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Der sehr andere Geschichtsunterricht: Jung trifft Alt Drucken E-Mail

Ehemalige Zwangsarbeiterinnen erzählen Studierenden des Ruhr-Kollegs von ihren traumatischen Erinnerungen an Essen - von Elisabeth Bessen

„Das Gedächtnis will immer das Gute“, sagt Frau Agafja Bragina lächelnd unter Tränen und alle im großen Klassenraum Versammelten spüren etwas von der Kraft der heute 86-Jährigen, erahnen ihren Lebensmut, sich immer wieder aufs Neue den Erinnerungen zu stellen, - Erinnerungen an traumatische drei Jahre während des Zweiten Weltkriegs in Essen, die ihr ganzes Leben geprägt haben.

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Das, was Studierende des Ruhr-Kollegs, junge Erwachsene, die hier auf dem Zweiten Bildungsweg das Abitur nachholen wollen, normalerweise im Unterricht an Daten und Fakten und schwer nachvollziehbaren, weil so weit entfernten Ereignissen lernen, nimmt plötzlich plastisch, bedrückend-dicht Gestalt an und bekommt menschliche Züge: Drei Frauen aus der Ukraine, die in regelrechten Menschenjagden von den Nazis zwangsweise im Alter von 17 - 22 Jahren nach Essen verschleppt und unter menschenunwürdigen Bedingungen zu Schwerstarbeit gezwungen wurden, sitzen jetzt mitten unter ihnen. Es ist Frau Bragina, die unentwegt im Kohlenstaub, nämlich im Kohleabbau und in der Kohlenwäsche, arbeiten musste, bis sie kaum noch zu atmen vermochte. Es ist Frau Lidija Polewaja, die nach einem Jahr Zwangsarbeit in der Zeche Heinrich, Essen-Holthausen, 1943 18-jährig der Gestapo Essen in die Hände gerät und wegen ihrer Notizen mit antifaschistischen Liedern und wegen der Briefe von sowjetischen Kriegsgefangenen in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück in Brandenburg gebracht wird, sich zwei Monate später im Außenlager Ravensbrück, nämlich Rostock-Schwarzenforst, diesmal als KZ-Zwangsarbeiterin wiederfand. Es ist Frau Valentina Ussatschjowa, die bei Krupp in Essen an einer Werkzeugmaschine arbeitend, mit Peitschenhieben dazu angetrieben wird, Metallspäne in Schubkarren aus der Werkshalle zu transportieren und schließlich auch bei den drei Begleiterinnen: Frau Jewgenija Kadatskaja, die als Kind eines blutjungen Zwangsarbeiterpaares im Februar 1945 im Ruhrgebiet geboren wurde und nur, weil sich eine deutsche Bauernfamilie schützend vor die junge Familie stellte, die letzten Monate des Krieges und die mörderischen panikartigen Übergriffe der letzten Kriegswochen bis zu ihrer Befreiung überlebte.

Die Studierenden haben in der Regel ja selbst bereits erste Berufserfahrungen gesammelt, bevor sie an die Schulbank zurückgekehrt sind. In der Begegnung mit Zeitzeugen erfahren sie, wie mehr als 60 Jahre historische Distanz zusammenschmilzen, durch den persönlichen Kontakt, durch Fotos von damals, die herumgereicht werden. Es herrscht eine gespannt-konzentrierte Stimmung im Raum. Mit solch persönlicher Atmosphäre, direkter Ansprache und lebendiger Präsenz hatte keiner unter ihnen, denen so schnell nichts die Sprache verschlägt, gerechnet. Verstohlen wischt sich die eine und die andere immer wieder Tränen aus den Augen. Tränen kommen unweigerlich, wenn sie hören, wie zwei junge Männer einen der Eisenbahntrasse nahegelegenen Wald zur Flucht aus dem Zug nach Deutschland nutzen wollen, aufgegriffen und vor den Augen aller erschossen werden. Sie sind beeindruckt von der beispiellosen Offenheit und dem ungezwungenen Umgang der ukrainischen Gäste mit ihnen, ihrem Humor, der trotz alledem gelegentlich Anlass zu befreiendem Lachen oder Schmunzeln gibt..

Die Fragen der Studierenden an die Zeitzeugen betreffen immer wieder die emotionale Seite. Wie fühlten sie sich damals? Von ständigem Hunger ist die Rede, schlimmer als die Schläge immer dieser Hunger bei trockenem Brot aus Kleie und Sägespänen, ein Überleben kaum möglich ohne manche Hilfe von Deutschen, die Brot durch den Stacheldraht des Lagers steckten. „Wir hatten ein ungeschriebenes Gesetz: Niemand wagte es, vom Essen zu reden." Ohne Groll erklären sie, wie zweierlei Maß unter den Zwangsarbeitern angelegt wird, von den zwangsrekrutierten Franzosen und Belgiern, die im Gegensatz zu ihnen als rassisch diskriminierte „Ostarbeiter" wenigstens eine Mittagspause bekamen, während die deutschen Arbeiter einen gedeckten Mittagstisch mit Suppe und Speck hatten.

Wie fühlen sie sich, heute wieder in Deutschland zu sein? Mit ruhigem Gefühl komme sie heute nach Deutschland, sagt Frau Ussatschjowa, - sie freue sich, den Platz wiederzusehen, „wo wir unsere Jugend verbracht haben". Mit Befriedigung stellen sie fest, dass sie bei ihrem Besuch des Terrassenfriedhofs gepflegte Grabstätten und Gedenksteine verstorbener Landsleute vorgefunden haben, und Frau Kadatskaja hat die beiden damals halbwüchsigen Mädchen, heute über 70-jährigen Frauen wiedergesehen, die sie als Baby gewickelt und versorgt haben.

Berührt sind die Studierenden auch von den Berichten über die Nachkriegszeit. Sie können das Ausmaß des Traumas erahnen, das auf der heimatlichen Region in der Ukraine lasten musste, in der jede Familie Opfer zu beklagen hatte.

Besonders berührt sind die Studierenden von der Herzenswärme, die die Gäste allesamt ausstrahlen, wo sie doch Verbitterung erwartet hatten.

Das sonst oft unpersönliche Fach Geschichte erweist sich in diesem Klassenzimmer schlaglichtartig als ein ganz engmaschiges Netz von miteinander verwobenen Lebensgeschichten und Einzelschicksalen in einer Differenziertheit, die auch die Grenzen zwischen Täter - Opfer verschiebt: der deutsche Soldat, der mit deutschen Truppen das heimatliche Dorf auf der Krim besetzt hat, „auf Urlaub" in Essen ist und Pakete von den Eltern an die jungen Mädchen mitbringt, ausgestattet mit Briefen retour an die Eltern, deshalb von den Deutschen als Offizier degradiert wird, später in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerät und dort wiederum auf den Bruder eines ukrainischen Mädchens trifft. Da spätestens ist die Welt ein Dorf und in einem Dorf hält man doch zusammen! In diesem Sinne münden alle Appelle der drei Frauen immer wieder in die eindringlichen Forderungen und Bitten: „Nie Krieg!" - „Gott beschütze Euch!" - „Frieden!" und zum Abschied in herzliche Umarmungen zwischen einigen Studierenden und ukrainischen Frauen, die ihre Großmütter sein könnten.